{{Lied der Autobahn}}
(1952, neu vertont in Farbe)
VORSPANN – „Lied der Autobahn”
Schwarzweißaufnahme. Eine Landstraße bei Morgengrauen. Nebel über feuchten Wiesen.
Ein Reh blick„ kurz auf – dann, in der Ferne, das erste Grollen eines Motors.
Der Nebel zerreißt. Schnitt auf Asphalt. Ein Käfer der 60er zieht seine Bahn.
Schnitt: Autobahnschild, Wind im hohen Gras.
SIEMA (warm, getragen):
„Es gibt Orte, an denen das Leben pulsiert – kraftvoll, stetig, geordnet.
Hier, auf der endlosen Fläche deutscher Ingenieurskunst, zieht eine andere Spezies ihre Bahn:
der Mensch in freier Fahrt.
Ein Wunder aus Stahl, Benzin – und Überzeugung.”
Der Motor heult auf. Schnitt: eine Raststätte. Dampf aus dem Kaffeebecher, der Himmel trüb.
SIEMA (freundlich-fasziniert):
„Doch was geschieht, wenn der Verkehr versiegt,
wenn die Motoren schweigen, und die Stimmen lauter werden?
Dann, tief in den Städten, zeigt sich ein anderer Puls – nicht aus Kolben, sondern aus Worten.
Ein Rudel, das die alte Freiheit sucht – und findet: im Reden.”
Schnitt: langsames Überblenden – von der leeren Autobahn in die verrauchte Kneipe.
SIEMA (mit sanfter Begeisterung):
„Dies ist Lied der Autobahn – eine Beobachtung über jene, die das Rollen nie verlernt haben, selbst wenn sie längst parken.”
Schnitt auf Sven, Stefan, Otto. Ein Bierdeckel landet wie eine Münze auf dem Tisch.
Die Wirtin, Ute, bewegt sich im Hintergrund.
Titelmusik: eine Blaskapelle spielt das „Autobahn”-Thema von Kraftwerk, leicht schief, aus einem alten Radio.
SIEMA (aus dem Off, ruhig, sachlich, fast liebevoll):
„Hier, im dämmrigen Innern einer Kleinstadt-Kneipe, lebt eine kleine, erstaunlich anpassungsfähige Art: der Homo confirmatus.
Er ist ein geselliges Tier, das erst in Gruppen seine volle Lautstärke entfaltet.
Sein Lebensraum – der Stammtisch – bietet ihm Nahrung, Schutz und die Illusion, verstanden zu werden.”
SZENE 1 – Der Stammtisch
STEFAN:
„Ich sag’s ja immer, das ganze Land geht vor die Hunde.
Früher, da hatt’s das net gegeben. Da hatt’s Ordnung.”
SVEN:
„Und Respekt! Heutzutage darfst ja nix mehr sagen, gleich bist’n Nazi.”
SIEMA (aus dem Off, sanft):
„Man erkennt deutlich: das Männchen kommuniziert über wiederkehrende Lautmuster.
Die Klage über den Verlust von Ordnung dient der gegenseitigen Bestätigung –
ein Ritual, das das Rudel stärkt.”
UTE (vom Tresen):
„Ihr regt euch wieder auf, ich hör das bis in die Küche.
Stefan, du wolltest doch eigentlich nur die Bratwurst.”
STEFAN (grummelnd):
„Ja, aber man kann ja gar nicht anders! Überall diese… Veränderungen.
Kaum erkennt man die Welt wieder.”
SVEN:
„Hast du gehört? Auf der A 88 haben sie zwischen Buxtehude und Hintertupfingen ein Tempolimit eingerichtet!
Sag ich: Da kannst ja gleich das Leben aufgeben!”
STEFAN:
„Was? Da war doch nie was los!”
SVEN:
„Eben! Jetzt musst du da mit hundert fahren! Hundert!
Da pennste ja am Steuer!”
STEFAN:
„Erst das Tempolimit, jetzt die Glühbirnen.
Bald darfst du nur noch im Dunkeln denken.”
Kurzes Lachen. Gläser klirren.
SIEMA (aus dem Off, sanft):
„Das Lachen ist Teil des Paarungsrituals.
Es signalisiert Zustimmung, manchmal sogar Begeisterung – vor allem aber, dass niemand widersprechen wird.”
OTTO (von hinten):
„Und bald verbieten sie auch noch das Fleisch!
Erst das Klima, dann das Schnitzel!”
STEFAN:
„Tja, Otto, so fängt’s an.
Erst nehmen sie uns das Fleisch, dann die Meinung.”
SIEMA (aus dem Off):
„Eine bemerkenswerte Gedankenkette.
In ihrer Logik steht das Schnitzel für die Seele.”
Ute poliert Gläser, der Rauch hängt in der Luft.
SVEN:
„Weißt du, was das Problem ist?
Die sollen mal wieder normale Leute fragen. Uns zum Beispiel.”
STEFAN:
„Na, uns fragt ja keiner.
Wir sind doch nur die, die das alles bezahlen.”
SIEMA (aus dem Off):
„Mit jedem Satz stabilisiert sich das Rudel.
Mit jeder Runde Bier die Überzeugung.”
SZENE 2 – Sprache und Sterne
Schnitt – Licht flackert, Ute beugt sich nach vorn.
STEFAN:
„Also ich sag’s dir, Sven, das mit dem Gendern, das ist doch Wahnsinn.
Jetzt wollen sie Sterne in die Namen machen!”
SVEN:
„Ja, hat mir einer erzählt.
Sein Bub heißt jetzt offiziell David-Stern.
Steht so im Ausweis. Hab ich gegoogelt!”
STEFAN:
„Gegoogelt! Ja klar.
Und dann sagen sie, das ist Vielfalt.
Früher hätt’s dafür ’nen Klassenbucheintrag gegeben.”
UTE:
„Ihr redet, als wär das schlimm.
Soll doch jeder heißen, wie er will.”
STEFAN:
„Ja, Ute, aber irgendwo hört’s halt auf.
Wenn der Name länger ist als der Mensch, dann hat das doch mit Sprache nix mehr zu tun – das ist ja dann schon Enigma-Code!”
Lachen. Bierdeckel fliegt.
SIEMA (aus dem Off):
„Hier, am Höhepunkt des Rituals, schließt sich der Kreis: Humor als Selbstrechtfertigung –
eine akustische Umarmung aus Vorurteil und Vertrautheit.”
SVEN:
„Und pass auf, als Nächstes sagen sie, man muss das auch sprechen!
Da steh ich dann beim Amt und sag: Ich heiß Sven – Stern – Strauß!
Und dann sagt die: Das is diskriminierend!
Sag ich: Nee, das ist Astrologie!”
Ute lacht laut. Draußen beginnt es zu schneien.
SIEMA (aus dem Off, sanft, abschließend):
„So klingt ein gelungener Abend im Revier des Homo confirmatus.
Das Rudel ist satt, das Weltbild gefestigt.
Nur die Luft ist etwas dicker geworden –
und das Licht, ein kleines bisschen trüber.”
Ein einsames Glas-Klack, dann Stille.
GEFLÜSTERT:
„Faszinierend.”